Interview mit
dem Herausgeber
Papst Benedikt XVI. in evangelischer Sicht

Das folgende Interview mit Prof. Thiede wurde anlässlich des Papstbesuches in Deutschland im September 2011 gegeben. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch ideaSpektrum; mehr unter www.idea.de.

 

Papstbesuch: Zwischen Skepsis und Hoffnung

 

Vom 22. bis 25. September besucht Papst Benedikt XVI. Deutschland. Vorgesehen ist auch eine Begegnung mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dazu ein Interview mit Werner Thiede, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie in Erlangen sowie Publizist.

 

idea: Herr Professor Thiede, erwarten Sie sich von dem Besuch des deutschen Papstes spürbare Fortschritte für die bilaterale Ökumene in Deutschland?

Werner Thiede: Als Joseph Kardinal Ratzinger 2005 Papst wurde, war ich durchaus hoffnungsvoll! Der Papst aus Bayern hätte die Probleme der Ökumene im Ursprungsland der Reformation kundig und mit Elan anpacken können. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass dazu seinerseits wenig substanzieller Wille besteht. So erwarte ich kaum echte Dynamik von seinem Besuch – ich habe leider eher Anlass zu der Befürchtung, dass wieder eine historische Chance vertan wird.

idea: Worin sehen Sie die Hindernisse bei diesem Papst, sich verstärkt für die Ökumene in seinem Heimatland zu engagieren?

Thiede: Benedikt XVI. steht als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in der Tradition eines Kirchenverständnisses, für das Ökumene – zumindest in der Tendenz – nur eine „Rückkehr-Ökumene“ sein kann. In der Verlautbarung „Dominus Iesus“ aus dem Jahr 2000 hat Joseph Ratzinger das deutlich zum Ausdruck gebracht. Die eigene Kirche versteht er im Sinne des – ebenfalls unter seiner Federführung erarbeiteten – Weltkatechismus von 1992 als unfehlbar in der Wahrheit gehalten: „Christus leitet sie durch Petrus und die anderen Apostel, die in ihren Nachfolgern, dem Papst und dem Bischofskollegium, bei ihr sind.“ An diesem Selbstverständnis gemessen, kann der Vatikan die evangelische Kirche unmöglich als Kirche im vollständigen Sinn und damit als Geschwisterkirche auf Augenhöhe akzeptieren. Als oberster Bischof der römischen Katholiken denkt Benedikt also nur konsequent.

idea: War das bei ihm schon immer so?

Thiede: Joseph Ratzinger war stets ein lauterer Denker in römisch-katholischer Tradition. Gerade sein fester Standpunkt hat ihm so viel Offenheit verliehen, dass er als junger Professor vor einem halben Jahrhundert in Bonn beispielsweise das Thema „Kirche, Sakrament und Glaube in der Confessio Augustana“ anpackte und sich im Wintersemester 1962/63 mit dem Papst-Traktat Philipp Melanchthons beschäftigte. Aber zugleich hatte er mit eindrucksvollen evangelischen Gestalten zu tun, die alsbald zum Katholizismus übertraten: mit dem Indologen Paul Hacker, dem Judaisten Peter Kuhn und dem Neutestamentler Heinrich Schlier. Der spätere Papst erlebte „Rückkehr-Ökumene“ in Deutschland also wiederholt hautnah.

idea: Müsste der Papst nicht die Taufe evangelischer Christen als vollwertig anerkennen und daraus entsprechende ökumenische Schlüsse ziehen?

Thiede: Die Argumentation, dass die Ökumene die Gemeinschaft aller Getauften umfasse, bezieht der Papst auf die umfassende Gemeinschaft der lebenden wie der gestorbenen Christen, und demnach hätte jede Änderung im Kirchen- und Amtsverständnis auch das Votum derer zu beachten, die in vergangenen Jahrhunderten für den Fortbestand der Kirche kämpften. So bleibt es unterm Strich bei der Perspektive der Rückkehr-Ökumene.

idea: In Ihrem Buch „Der Papst aus Bayern“ gehen Sie auch ausführlich auf die Regensburger Rede des Papstes vor fünf Jahren ein. Darin heißen Sie die unverhohlene Kritik Benedikts an der liberalen Theologie und insbesondere an dem protestantischen Kirchengeschichtler Adolf von Harnack gut. Der Papst ist für Sie also ein legitimer Kritiker der evangelischen Kirche?

Thiede: Der Papst kann als ein großer Theologe selbstverständlich legitimer Kritiker bestimmter Theologien innerhalb und außerhalb seiner eigenen Konfession sein. Auch mit seinen beiden Jesus-Büchern hat er unter Beweis gestellt, dass er sich mit der Problematik einer liberalen Deutung der biblischen Tradition bestens auskennt. Ich wünschte mir nur, dass er umso mehr zu würdigen wüsste, welche Schätze die konservativ orientierte lutherische Theologie in sich birgt! Vielleicht bringt er das in den nächsten Tagen deutlicher als bisher zum Ausdruck. Wir gehen auf das 500-jährige Reformationsjubiläum zu und erwarten – bei aller realistischen Skepsis – voller Sehnsucht Zeichen ökumenischer Aufgeschlossenheit und Beweglichkeit!

 

Buchtipp: Werner Thiede (Hrsg.): Der Papst aus Bayern. Protestantische Wahrnehmungen. Evangelische Verlagsanstalt, 267 Seiten
ISBN 978-3-374-02751-4, 19,80 EUR.

Näheres zum Herausgeber unter www.werner-thiede.de.

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Der Papst – Motor oder Hindernis der Ökumene?

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